"Warum ein kleines Säckchen im Schuhkarton eine gute Botschaft ist"
cads Biozid-Handbuch

Nach mehr als vier Jahren Arbeit hat cads e.V., die Nachhaltigkeitsinitiative der deutschen Schuh- und Lederwarenindustrie, das erste Biozid-Handbuch Deutschlands veröffentlicht. Zuständig für die Erstellung war die „Arbeitsgruppe Biozide“ unter der Leitung von Dr. Siegfried Schwarzer. Als gelernter Chemiker und späterer Qualitäts- und Nachhaltigkeitsmanager bei der Hamm Reno Group, haben ihn die Themen Schadstoffe, Umwelt- und Nachhaltigkeit sein gesamtes Berufsleben über begleitet.
Herr Dr. Schwarzer, warum hat man bei cads ein Biozid-Handbuch entwickelt?
Wir wollten einen Leitfaden erstellen, der der Industrie Orientierung beim Einsatz von Mitteln gegen Schimmel- und Geruchsbildung bietet. Ein Handbuch, das Probleme aus der Praxis beschreibt und praktische Lösungswege aufzeigt. Aus diesem Grund haben wir fünf Experten aus der Industrie versammelt, die absolute Fachleute auf dem Gebiet der biozid wirkenden Stoffe sind. Das Ergebnis ist das erste Biozid-Handbuch für viele Konsumgüter, die wir in Deutschland haben, insbesondere für Schuhe und Textilien.
Warum können Biozide bei Schuhen- und Lederwaren zum Einsatz kommen?
Bei der Kontrolle im Hamburger Hafen oder in Rotterdam fand man noch vor 10 Jahren immer wieder hunderttausende Schuhe, die verschimmelt waren – obwohl diese ganz ohne Schimmel in den Produktionsländern verschifft worden waren. Zunächst versuchten die Hersteller, mit Hilfe von Nachbearbeitungsfirmen die Schuhe zu retten. Der Schimmel wurde abgebürstet und die Ware mit Bioziden besprüht. Davon versuchte man sich – mit Blick auf die Gesundheit der Arbeiter und der Kosten – aber wieder verabschiedet.
Stattdessen entwickelte z.B. Micropack aus Hongkong kleine Biozid-Pflaster. Diese kleinen Streifen – meist nicht größer als vier mal zwei Zentimeter – werden an den Deckel der Schuhkartons geklebt und setzen während des Transports Schwefeloxid frei. So soll die Entstehung von Schimmel direkt verhindert werden. Andere Hersteller arbeiten auf ähnlicher Basis, aber mit anderen Wirkstoffen.
Wieso ist das Thema Biozide so umstritten und wie hilft das Handbuch weiter?
Die europäische Biozid-Verordnung verlangt eine Zulassung der bioziden Wirkstoffe und der daraus hergestellten käuflichen Biozidprodukte unter Offenlegung der Wirkungsprozesse. Das Ziel ist der sichere Umgang mit Bioziden. Historisch gibt es etwa als tausend Stoffe, die eine biozide Wirkung haben. Zu den Schimmelverhinderern zählen beispielsweise Senföl, Traubenkernöl, Wasabi oder Schwefeloxide. Diese Stoffe können gefährlich sein – oder auch völlig harmlos. Die Dosis macht das Gift. Bis heute sind noch nicht alle Zulassungsverfahren in der EU abgeschlossen und wir wissen noch nicht endgültig, welches Biozid zugelassen werden wird. Die EU-Positivliste verändert sich ständig und gibt den jeweils geltenden Stand der Dinge wieder.
Mit dem Biozid-Handbuch haben wir bei cads e.V. aus dem Wissen unserer Experten heraus einen Leitfaden entwickelt, der einen sicheren Umgang mit Bioziden gewährleisten soll. Mit diesem Wissen können entsprechende Vorgaben an die Produzenten in Asien gerichtet werden.
Welche Probleme kann es beim Einsatz von Bioziden geben? Mit welchen Hürden hatten Sie beim Handbuch zu kämpfen?
Die Entstehung des Handbuchs war sehr aufwendig. Insbesondere die Praxisberichte aus Asien waren oft widersprüchlich und man weiß bis heute nicht in allen Fällen, womit die Schuhe behandelt worden sind. Wir haben viel Energie und Zeit darauf verwendet, diese Lücken im Handbuch so gut wie möglich zu schließen – auch, wenn uns das mangels zuverlässiger Informationen nicht zu 100 Prozent gelungen ist.
Gibt es denn eine Alternative zu Bioziden?
Es gibt eine Alternative: Trockenmittel. Sie finden sie manchmal als kleine Säckchen oder Beutel in elektronischen Artikeln, in Textilien oder eben auch in Schuhkartons. Die Luft in einem Schuhkarton enthält circa ein bis zwei Gramm Wasser. Das Trockenmittel entzieht die Feuchtigkeit und damit dem Schimmel die Grundlage. Es ist ein guter und effektiver Weg, Schimmel ohne Einsatz von Bioziden zu vermeiden.
Das Problem: Biozid-Pflaster sind oft günstiger als Trockenmittel. Daher sparen gerade Billiganbieter aus dem Ausland an dieser Stelle. Für den Verbraucher macht es daher auch in dieser Hinsicht Sinn, sich für Produkte zu entscheiden, die nach europäischen und deutschen Qualitätsstandards produziert wurden.